Die aktuelle Diskussion über eine Reform des Wehrdienstes geht meines Erachtens häufig an der eigentlichen Problematik vorbei. Niemand will die eigenen Kinder oder Enkel in einen Krieg schicken. Es geht auch nicht darum, Kriege gegen andere Länder oder Regime vorzubereiten. Es geht um das genaue Gegenteil: die Verhinderung von Krieg durch Abschreckung eines potenziellen Angreifers.
Was lehrt uns die Geschichte
Die Geschichte lehrt uns eine bittere Lektion: Unbewaffnete oder schwache Länder wurden immer wieder zum Spielball aggressiver Mächte. Dafür gibt es prägnante Beispiele:
- Im 16. Jahrhundert wurden das Inka- und Aztekenreich durch kleine Invasorengruppen zerstört, die fortschrittlichere Waffen und eingeschleppte Krankheiten nutzten.
- China, das Jahrtausende lang eine Weltmacht war, wurde im 19. Jahrhundert gedemütigt. Europäische Staaten und Japan zwangen das riesige Reich mit Dampfschiffen, Kanonenbooten und Opium in die Knie, auch wenn sich der Spieß gerade wieder umdreht.
- Auch Indien ist ein weiteres Beispiel in dieser langen Liste.
(siehe auch: Kann man aus der Geschichte lernen)
Der Fall dieser „Riesen“ folgte immer ähnlichen Mustern:
- Technologische Asymmetrie: Musketen gegen Maschinengewehre, Holzschiffe gegen Dampfschiffe.
- Innere Spaltung: Aggressoren nutzten Bürgerkriege oder unterdrückte Minderheiten aus.
- Reformstau: Die großen Reiche ruhten sich auf ihrer historischen Größe aus und verpassten den militärischen Anschluss.
Das waren Weltreiche. Die Europäische Union hingegen ist kein Reich, sondern ein loser Staatenbund, der sich für wahre geopolitische Größe erst noch aufraffen muss. (siehe auch: Von nationaler Identität zu einer globalen Gemeinschaft)
Um dem Schicksal der Fremdbestimmung zu entgehen, dürfen wir die Fehler der „Verlierer der Geschichte“ nicht wiederholen. Wir Europäer müssen eine Resilienz gegen Angriffe auf unsere liberale Demokratie aufbauen. Dazu gehört zwingend eine moderne, defensive Armee mit ausreichenden Ressourcen zur Verteidigung unserer Heimat.
Bedrohungslage
Die Bedrohungslage ist akut. Im Osten wie im Westen haben Kräfte zum Angriff geblasen – oft subtil. Russland attackiert unsere digitale Infrastruktur seit Jahren und flutet uns mit Desinformation. Die sozialen Medien, dominiert von US-Konzernen, wirken dabei wie die Drogen der Neuzeit. Was das Opium für China im 19. Jahrhundert war, sind heute TikTok, Instagram und Co.: Sie lenken ab, spalten und binden Aufmerksamkeit in Nebensächlichkeiten.
Doch die digitale Kriegsführung schließt den klassischen Krieg nicht aus. Der russische Überfall auf die Ukraine, die Konflikte in Syrien oder Mali, aber auch die US-Interventionen im Irak oder Afghanistan zeigen: Panzer, Artillerie und Raketen haben weiterhin Hochkonjunktur.
Wollen wir uns überhaupt dafür einsetzen?
Das bringt mich zur Kernfrage: Sind wir bereit, die Ressourcen – Geld und Menschen – für unsere Verteidigung aufzubringen? Und noch einmal: Es geht um die Herstellung einer Fähigkeit zur Verteidigung unserer gesellschaftlichen Werte im Binnenland und nicht um die Eroberung von fremden Gebieten oder die Missionierung der Welt mit europäischen Werten der Aufklärung.
Nach der deutschen Wiedervereinigung und der Auflösung des Warschauer Paktes waren wir der irrigen Meinung, dass sich liberale und demokratische Werte jetzt weltweit durchsetzen würden und dieser Lebensstil seinen Siegeszug antreten würde. Doch weit gefehlt, denn der Mensch ist kein rationales Wesen, auch wenn er das immer glaubt. Der Verstand basiert auf Emotionen, nochmals Emotionen, vielen psychologisch begründbaren Fehlschlüssen und ein ganz klein wenig Rationalität, die meist von der Wissenschaft mit ins Spiel gebracht wird. Aber das sei nur nebenbei bemerkt. (Vertiefend beschrieben: Gesunder Menschenverstand: Wenn das Bauchgefühl uns in die Irre führt (08/2025))
Staatsbürgerliches Engagement
Wer die Werte unseres Grundgesetzes nicht aktiv verteidigen will, verhält sich wie ein Trittbrettfahrer: Er genießt den Schutz und Wohlstand des Systems, ohne etwas zurückzugeben. Solchen Menschen geht es meist um deren persönlichen Vorteil und Bereicherung, oder sie sind dem weltlichen Geschehen vollkommen entrückt.
Unser System benötigt, um funktionieren zu können, die aktive Mitarbeit der Bürger, nicht nur bei Wahlen, auch dazwischen und außerhalb (Ausdruck habe ich von Böhmermann geklaut). Der eine Teil ist das staatsbürgerliche Engagement in Vereinen, Parteien und sonstigen Vereinigungen, die dem gedeihlichen Zusammenleben nützen und eine soziale Gemeinschaft stärken.
Ein weiterer Teil ist die aktive Teilhabe am Wirtschaftssystem (sofern nicht zu jung oder zu alt), also dem Teil der Wirtschaft, der aktiv am Prosperieren des allgemeinen Wohlstands beteiligt ist. Reine Kapitalverwaltung nehme ich hier ausdrücklich heraus, denn hier wird nichts Reales erschaffen. Die Verteidigung, dazu zähle ich zuerst die Abschreckung eines potenziellen Gegners und dann aber auch die Bekämpfung eines Angreifers, ist ebenfalls ein Teil des bürgerlichen Engagements.
Der große Bruder war einmal
Bisher haben die USA diese Aufgabe für uns übernommen. Doch diese Schutzmacht bröckelt. Egal, wer in Washington regiert: Wir Europäer müssen uns um unsere eigene Sicherheit und die Verteidigung unserer eigenen Werte kümmern. (siehe auch: Vergesst Amerika)
Das wird teuer. Und es wird Menschen brauchen: als Drohnenpiloten, Panzerfahrer oder Sanitäter. Als Kriegsdienstverweigerer und „Boomer“ sträubt sich alles in mir gegen diese Erkenntnis. Aber ich muss die Realität akzeptieren. Meine Generation hat ihren Dienst oft bereits geleistet – sei es bei der Bundeswehr, im Zivildienst. Auch unser politischer Protest gegen Aufrüstung, also Aufrüstung weltweit, hatte seinen Sinn. Leider hat er sein Ziel nicht erreicht. Nun ist auch die jüngere Generation gefragt.
Das Argument „Wir wollen nach dem Abitur erst reisen“ ist verständlich. Aber diese Reisefreiheit existiert nur, weil wir in einer wehrhaften Demokratie leben. Niemand schickt seine Kinder gerne in einen Orkan. Aber wenn der Sturm aufzieht, hilft keine Diskussion – dann hilft nur ein stabiler Unterstand, den man vorher gebaut hat.
Bittere Pille
Ob wir dafür eine allgemeine Dienstpflicht oder eine hochspezialisierte Berufsarmee brauchen, müssen Experten entscheiden. Fest steht: Wir benötigen eine Armee, die moderne Bedrohungen von Cyberwar bis Hyperschallraketen abwehren kann.
Frieden hat einen Preis. Wir müssen ihn vielleicht mit Stagnation beim Wohlstand oder einem gewissen Komfortverlust bezahlen. Auch die Militarisierung der Gesellschaft wird ein Teil der Kosten sein. Das ist eine bittere Pille. Aber es ist die einzige Medizin, die uns davor bewahrt, unsere Freiheit zu verlieren. Und ein Krieg wäre noch viel teurer.